Du kennst wahrscheinlich diesen einen Moment
Es hat nicht mit einer Diagnose angefangen. Es hat mit einem Satz angefangen.
Vielleicht war es der Anruf, bei dem sie sagte, sie sei gestürzt, aber es sei nichts passiert und du müsstest nicht extra kommen. Und du bist trotzdem gefahren und hast sie im Bad sitzend gefunden.
Vielleicht war es auch harmloser. Die Post, die sich stapelte. Der Termin, den sie zum zweiten Mal vergessen hat. Der Moment, in dem dir auffiel, dass du morgens anrufst, um zu hören, ob alles in Ordnung ist.
Und dann ging es schleichend. Erst die Einkäufe. Dann die Tabletten für die Woche. Dann die Arzttermine, weil sie nicht mehr erzählen konnte, was besprochen wurde. Irgendwann hast du im Job reduziert und „persönliche Gründe" angegeben, weil du keine Lust hattest, es zu erklären.
Niemand hat dir dafür gedankt. Es ist einfach passiert.
Und jetzt liegt ein Brief auf dem Tisch. Ein Termin mit dem Medizinischen Dienst. Und beim zweiten Lesen kommt der Gedanke, der dich abends nicht schlafen lässt: Was fragen die eigentlich?
Du weißt genau, was passieren wird. Deine Mutter wird sich die Haare machen. Sie wird aufrecht sitzen. Und wenn er fragt, ob sie sich allein waschen kann, wird sie „ja" sagen. Nicht weil sie lügt. Weil sie es so meint. Weil sie keine Last sein will.
Und du wirst danebensitzen und wissen, dass du seit April den Duschstuhl hältst.
Genau für diesen Donnerstag ist dieses Buch geschrieben. Nicht damit du etwas beschönigst oder übertreibst. Sondern damit das, was du seit Monaten tust, auf dem Papier auftaucht.